Sonntag, 17. Februar 2008
Mushirn - Hirnmus
Es gibt eine Studie, laut der wir Migräne-Opfer schneller denken als gesunde Menschen. Das liegt an unseren Neuronen, die ununterbrochen Impulse abfeuern. Ob das jetzt wissenschaftlich wiedergegeben ist? Keine Ahnung, aber ich glaube, dass es stimmen könnte. Ich möchte versuchen, mein Migränehirn zu erklären. Alles beginnt mit dem Anfall und was ich dabei sehe, wenn ich die Augen schließe:
Das Gewitter am Anfang aller Dinge. Bewegung gefriert zu Formen, ihr Wechsel offenbart die Stufen des Seins. Sein ist Form. Sein ist Bewegung. Sein ist das Konkrete im Abstrakten und umgekehrt. Die ganze Welt degradiert zur Möglichkeit. Anspruch auf Existenz erlangt sie lediglich durch ihre Abbildung in meinem inneren Auge, auf der Netzhaut meines Verstandes. Doch ihre Nadis sind vergiftet und ich sehe es: unmögliche Konstrukte! Tanzende Figuren, die unsere Geometrie verspotten. Babylon! Zeichen, in der Vielheit ihrer Bedeutung beraubt. Schmerz ist der Bote, der sie mit mir und der realen Welt verbindet.
Ein entrücktes Notfallfunktionieren, das alle paar Wochen meinem Gehirn schwer zusetzt. Ich denke Trance-Zustände können ähnliche Effekte erzeugen. Für die Meisten dürfte es jedoch nur Kopfweh mit Kotzbonusrunde sein. Unabhängig von dem was ich dabei sehe, es fühlt sich an wie eine Fehlschaltung im Schädel. Als ob man seinen Finger in die Steckdose steckt. Alle Gedanken zittern und vibrieren. Meine Synapsen spielen Elektronen-Ping-Pong. Teilchen checken für die Reise zu ihren Zielsynapsen ein, kommen aber nie dort an. Sie werden bei der Stampede in meinem schock-übertakteten Gigahertz-Prozessor einfach fortgeschranzt. Kicken auf ihrer Odyssee noch zwei, drei Kameraden weg. Hyperaktive, schubsende und panische Elektronen erdrängeln sich den Weg zur Hirnschmelze.
Anders ausgedrückt: Ich fühle mich wie beim Brainstorming von zwei milliarden hochbegabten Physikern. Ich kann nur nicht verstehen, nicht sortieren, nicht organisieren, was sie sich erzählen. Die Informationen gehen in einem ständigen Crescendo und Diminuendo von Geräuschen unter. Sobald ich versuche, das eine Gespräch zu verfolgen, verliere ich im Gegenzug alle Anderen aus dem Fokus. Ich bin dabei, kenne alle Gäste, aber was da geredet wird? Höchstens ein Haufen Hypothesen, rekonstruiert aus tausend mal zweitausend Filmrissen.
Zurück zum Anfang. Wir denken schneller, ja. Aber wir denken auch chaotischer – geschult durch die Anfälle. Unsere Elektronen rasen von Verzweigung zu Sackgasse und finden ihr Ziel nicht. Geschwindigkeit vor Präzision. Mich auf eine Sache zu konzentrieren scheint manchmal unmöglich. Einen einzigen Reiz zu verarbeiten unerträglich. Denke ich über etwas nach, kann ich förmlich spüren, wie die Elektronen im Gehirn Pogo tanzen und sich bei jedem Rückprall voneinander und von meiner Schädelinnenseite in der Orientierungslosigkeit verlieren. Der Gedanke weg, den Faden verloren. Andererseits findet man plötzlich lose Enden anderer Fäden wieder, die längst als verschollen abgehakt wurden. Sie liegen einfach da, wollen aufgenommen werden, von ihrer langen Reise erzählen. Aber bevor ich mich bücken kann, drängeln sich zwei, drei Andere in mein Sichtfeld und schicken den Inhalt meines Cache-Speichers nach /dev/null. Es hört nie auf...
Psychologen oder Ärzte würden wahrscheinlich autogenes Training oder Yoga als Gegenmaßnahme empfehlen. Ich gehe einen anderen Weg: Ich saufe mir die Synapsen weg. Ein Vollrausch, ein paar Millionen Synapsen weniger. Irgendwann sind es nur noch zwei. Die können dann Ping Pong spielen, wie sie wollen – ich bleibe am Ball!
Labels: Hirn, Hirnmus, Migräne, Mus, Mushirn, Synapsen
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